
Voltaires Roman könnte man eine Neuauflage von Grimmelshausens „Simplicissimus“ nennen, nur, dass Voltaire mit seinem naiven Helden einen Streifzug durch die Welt des 18. Jahrhunderts unternimmt, während Simplicissimus im Deutschland des Dreißigjährigen Krieges verharrt. Außerdem fügt Voltaire seiner Geschichte eine hintersinnige, bitterböse satirische Note hinzu, die Grimmelshausens fassungslose Ironie noch übersteigt…. Beginn dieser Lesung ist um 19:30 Uhr im Weißen Saal (Regentenbau).
In „Candide“ stellt Voltaire einen jungen Mann dar, auf einem adligen Landsitz groß geworden. Nach einem unschuldigen Techtelmechtel mit der Tochter des Hauses wird er hinausgeworfen und der realen Welt ausgeliefert. Sein philosophischer Hauslehrer hatte ihm beigebracht, dass diese Welt die „beste aller Welten“ sei und dass alles so sein müsse, wie es ist, und gut so sei. Diese Weisheit, im stabilen feudalen Haushalt noch einigermaßen nachvollziehbar, wendet Candide jetzt auf Hunger, Elend, Folter, Vergewaltigung, Totschlag und Mord an. Wie durch ein Wunder entkommt er dem Tod immer im letzten Moment, nachdem er schon unter Galgen steht oder halb tot geschlagen worden ist, jeweils natürlich ohne jeglichen realen Grund. Der ist in dieser Welt auch nicht nötig, wo man nach belieben raubt, mordet und schändet. Candide sieht jedoch sowohl die Todesgefahr wie auch seine Rettung als „notwendig und gut“ an, so wie es ihm sein Lehrer beigebracht hat. Und so zieht er mit wechselnden und nacheinander elendiglich umkommenden Gefährten durch die Welt, gelangt von Westfalen nach Spanien und schließlich nach Argentinien, trifft Totgeglaubte wieder, verliert mehrmals seine Geliebte und erringt sie wieder und geht naiv die groteskesten Koalitionen ein.
Kritikern zufolge verspottet Voltaire (1694 - 1778) in dem heute als sein bestes Werk geltenden Kurzroman Candide ou l'optimisme das optimistische Menschenbild des deutschen Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 - 1716) in einer 1759 anonym veröffentlichten ideenreichen Romansatire voller Sarkasmen.
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