
Sie ist von legendärem Alter, Werkzeug der griechischen Musen, das Instrument mit dem der biblische König David seinem Vorgänger Saul die bösen Geister austreibt, als stetes Motiv der nordischen Sagen zugleich Wappenzeichen der Iren und vor allem das gravitätische Attribut der mittelalterlichen Sänger, die Harfe.
Sie gehört zu den ältesten Musikinstrumenten überhaupt, schon vor 3000 Jahren war ihr Klang im Spiel.
Riedel: Die Urform, ja. Das Instrument, was heute im Sinfonieorchester seinen Platz hat, ist allerdings die Doppelpedalharfe. Diese Technik ist 1720 erfunden worden.
Pedale, wie beim Klavier? Das hatten die Minnesänger nicht.
Riedel: Durch das Betätigen eines Pedals lassen sich nun alle gleichnamigen Töne des Instrumentes um einen, bei der Doppelpedalharfe sogar um einen weiteren Halbton erhöhen. So kann Dank einer aufwändigen Mechanik von bis zu 2500 Bauteilen durch diese Saitenverkürzung in allen Tonarten gespielt werden. Das gibt dem edlen Instrument die reichen Ausdrucksmöglichkeiten.
Prandi: Als Bestandteil des großen Sinfonieorchesters finden wir die Harfe deshalb erst in der Romantik. Bei Wagner zum Beispiel.
Wagner? Da denkt man doch an instrumentale Stimmgewalt. Geht die Harfe da nicht unter?
Prandi: Wo mehr Klangvolumen benötigt wird, hat Wagner einfach die Anzahl erhöht. Für den Schluss vom „Rheingold“ beispielsweise schreibt er sechs Harfen vor. Obwohl das selten realisiert wird. Für den „Tannhäuser“ ist das nicht notwendig, hier ist es das unüberhörbare Begleitinstrument der agierenden Sänger. – Aber die Harfe ist bei Wagner natürlich immer dabei. Das hat mit der sinnlichen Fülle des Orchesterklanges zu tun.
Bevor wir tiefer ins Mittelalter eindringen und Wagners Minnesängern auf die Finger schauen, noch einmal zurück zum Ausgangspunkt: Die Harfe ist ein uraltes Instrument, aber unsere ist brandneu, oder?
Riedel: Richtig. Die alte Konzertharfe aus dem Jahr 1958 hat zwar einen wunderschön runden Klang, ist aber bereits anfällig in den Halbtönen und beginnt schon einmal zu schnarren, wenn man richtig zupackt. Für „Salome“ wurde es da bereits recht schwierig noch alle Register zu ziehen. Und für manches Sinfoniekonzert, musste ich sogar meine eigene Harfe herbeischaffen. Dank der Mittel der TheaterFreunde e.V. ist diese Anschaffung nun möglich geworden. Beauftragt haben wir die Firma vor zwei Jahren, auf der Warteliste sind wir schon länger, denn pro Jahr können maximal neun bis zehn Instrumente gefertigt werden.
Die muss ja ein Vermögen kosten. Wenn der neue Flügel also ein Rollce Royce ist, dann ist die Harfe…?
Riedel: Ein Lamborghini, also vom „Fahrgefühl“ her. – Tja, da ist eben wirklich alles handgefertigt. Beim Steinway gibt es zumindest einige Bestandteile aus der Serie, hier nicht.
Und wie heißt sie?
Riedel: Es ist eine Horngacher – mein Wunschinstrument. Die finden sie auch in den großen Opern- und Konzerthäusern. Sie wird mich am Anfang irrsinnig viel Kraft kosten, denn das Holz muss sich erst noch einschwingen, aber diese Herausforderung wird sich lohnen. Und sie bietet schon jetzt das ganze Potential. Die wahre Persönlichkeit aber bildet sich erst nach ein paar Jahren heraus. Sie ist halt noch jung.
Dann wollen wir hoffen, dass die zarte Elfe im derben Sängerkrieg keinen Schaden nimmt. Wo ist sie platziert?
Prandi: Normalerweise steht die Harfe im Orchester-Mittelfeld. Da sie aber im „Tannhäuser“ zugleich als Instrument der Sänger ein direktes Handlungselement ist, haben sich Generalmusikdirektor Hans Urbanek und Regisseur Ansgar Haag in Absprache mit der Bühnenbildnerin Kerstin Jacobssen für eine Positionierung seitlich der Bühne entschieden. So ist sie während des Wettstreits der Sänger unmittelbar sichtbar und unterstreicht damit die innerliche Geschehensebene, die Psyche.
Ist denn der „Sängerkrieg auf Wartburg“ ein Harfenkonzert?
Prandi: Nein, das ist natürlich Oper, die Harfe also „nur“ Begleitinstrument, aber dies doch in ganz massiver Art und Weise und partiell durchaus auch solistisch. Und die Sänger korrespondieren nicht nur in ihren Strophenliedern im Wartburgsaal des 2. Aktes mit der Harfe, wo es direkt heißt: „Greifet in die Saiten!“ sondern Tannhäuser wird schon im 1. Akt von Venus aufgefordert sich persönlich zu erklären: „Ergreife deine Harfe“. Und im 3. Akt in Wolfram von Eschenbachs bekannter Arie „O! du mein Holder Abendstern“, wird Tannhäuser privat-reflexiv mit: „Ich hörte Harfenschlag, wie klang er traurig!“ So dient die Harfe nicht allein der Illustration eines Charakters, sie prägt entscheidend die unterschiedlichen Stimmungen, von der andächtigen Melancholie bei Wolfram, bis hin zur liebestrunkenen Ekstase bei Tannhäuser.
Noch ein abschließendes Wort zu den Poeten: Minnesänger, Troubadoure, Meistersinger?
Prandi: In „Tannhäuser oder der Sängerkrieg auf Wartburg“ haben wir es nicht mit Meistersingern zu tun. Das sind singende Handwerker mit künstlerisch-politischem Impetus, der berühmteste von Ihnen ist Hans Sachs, dem das Meininger Puppentheater mit der Produktion „Fastnachtsspiele“ huldigt. Wagner hat sich ihnen in einer eigenen Oper gewidmet, den „Meistersingern von Nürnberg“. Das spielt in einer ganz anderen Zeit, nämlich zu Beginn der Renaissance. Die französischen Troubadoure, sind tatsächlich Spielleute des Mittelalters, aber ihre Botschaften hatten Unterhaltungs- und Nachrichtencharakter.
Der Tannhäuser und seine Gefährten Wolfram von Eschenbach oder Walther von der Vogelweide sind legendäre Minnesänger. Und das waren Adlige. So nennt sie die Besetzung bei Wagner „Ritter und Sänger“. Deren Liebesdichtung war nicht privater Natur, sondern hatte musisch-philosophischen Charakter. Landgraf Herman von Thüringen leitet den Wettstreit, dieser sich auf der Harfe begleitenden Dichter, folglich auch mit einer Frage ein, nämlich: „Wer kann mir das Wesen der Liebe ergründen?“ – Minnesänger sind poetische Reiseführer durch Himmel und Hölle, wie Dante. Dabei wird ein eindeutiger Ehren- und Moralkodex angeschlagen. Und dieser Tannhäuser schlägt dabei über alle Stränge, hebt die Gesellschaft aus ihren Angeln.
Dann freuen wir uns auf einen unterhaltsam-philosophischen Opernabend, den Skandal machenden Tannhäuser und den strahlend-neuen Harfenklang. Die Premieren sind am Freitag, den 26. und am Sonntag, den 29. März, jeweils ab 18.00 Uhr. Folgevorstellungen gibt es noch im April und Mai.
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